Irene's individuelle Seniorenbetreuung

Gemeinsam zu mehr Lebensfreude

Das Gedicht

Herr G. ist schwer dement. Er sitzt nach der Abendpflege im Schlafanzug am Esstisch und führt – wie so oft – unverständliche Selbstgespräche. Ich setze mich zu ihm und frage ihn, ob ich ihm etwas vorlesen darf. Ich würde gern mein Lieblingsgedicht mit ihm teilen. Er nickt.

Langsam beginne ich mit dem Gedicht

„Der Weg“

Eh‘ ich in dieses Leben trat,
Wies mir ein Engel jegliches Geschehen:
Er ließ mich alle meine Wunden sehen
Und alle meine Missetat,
Er ließ mich alle meine Sünden wissen
Und alles Leiden, das ich tragen müsste,
Die liebeleere, hassdurchtobte Wüste,
Die Stundenzahl voll Schmerz und Finsternissen —
Auch wies er mir die trunknen Seligkeiten
Die ich, gleich einem Gott, durchfühlen würde,
Das Äthersein, darin ich ohne Bürde
Im Lichte schwebte über Dunkelheiten,
Ließ er verheißend durch das Herz mir rinnen. —
Der Liebe ungemessne Wonnen
Erschauernd bebten alle meine Sinnen
Und mich umstrahlten tausend Himmelssonnen!
Und als er so, den Weg mir vorgewiesen
Mit seinen Prächten und den Düsterkeiten,
Mit seinen Höllen und den Paradiesen,
Sprach ernst der Engel: „Willst du ihn beschreiten?“
Und langsam sagte ich nach einer Stille:
„Ich will es — ja — der Weg, er ist mein Wille!
Und alle seine Lust und Qual
Sei mir Erfüllung freigewollter Wahl!“

So trat ich in das Leben ein,
Ein Mensch, umspielt von Schein und Sein,
Dem hellen Tag, der dunklen Nacht geweiht
Und bald versunken in die Ewigkeit!

Max Hayek (1920)

Mit jeder Zeile erwacht seine Aufmerksamkeit mehr. Gleichzeitig spüre ich, dass er innerlich ruhiger wird. Als ich fertig bin, entsteht eine andächtige Stille. Wir schweigen eine kleine zeitlose Ewigkeit, in der eine tiefe Nähe spürbar wird. Es fühlt sich an, als hätte sich ein Raum geöffnet, in den wir nun beide eingetreten sind.

Von Anfang an habe ich seine Hand gehalten; jetzt drückt er meine Hand als wollte er sich bedanken. Ich schaue ihn an und er erwidert mit klarem Blick meine Geste.

In dem Gedicht ist eine tiefe Wahrheit zum Menschsein ausgedrückt, nämlich, dass wir die Umstände unseres Lebens selbst auswählen und uns mit eigener Entscheidung darauf einlassen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gedanken, die eine universal gültige Wahrheit beinhalten, die Seele eines jeden Menschen erreichen, unabhängig von der Funktionalität des menschlichen Gehirns. Das Gehirn gehört zum Körper und wird mit dem physischen Tod einmal vergehen. Die Seele jedoch geht in das nachtodliche, jenseitige Sein über und sie erlebt sich in den entwickelten feineren Wahrheitsgefühlen wieder.

Wiederholt habe ich die Erfahrung gemacht, dass demente Menschen sehr empfänglich sind für tiefgründige Gedanken, die eine grössere Wahrheit ausdrücken.

Tief beglückt und dankbar um solche Schätze der deutschen Lyrik bringe ich Herrn G. zu Bett.