Irene's individuelle Seniorenbetreuung

Gemeinsam zu mehr Lebensfreude

Neues lernen ist unabhängig vom Alter

Heute fahre ich wieder zu einem betagten Herrn, der nach dem Tod seiner Frau alleine lebt.
Öfter schon haben wir über das Geheimnis eines nachtodlichen Lebens gesprochen. Einerseits ist er recht offen dafür, andererseits halten ihn sein Intellekt und seine katholische Erziehung wieder von neuen Gedanken ab.

Für heute habe ich mir vorgenommen, mit ihm etwas ganz Neues zu lernen und mich entsprechend vorbereitet. Nachdem wir einige Haushaltsarbeiten zusammen verrichtet haben, wird eine Pause eingelegt. Da frage ich ihn, ob er lernen möchte, wie man neue, erfrischende Lebenskräfte aufbauen kann.

Als er bejaht, hole ich mein Buch über das nachtodliche Leben und die Seelsorge für die Verstorbenen heraus. „Heute lernen wir eine neue Art des Lesens kennen. Wir holen nicht etwas heraus an Informationen aus dem Buch. Nein, wir machen es ganz umgekehrt. Wir gehen auf den Text und die Gedanken zu.“ Er wirft ein, dass er ja gar nichts verstehe von diesem Thema. Ich beruhige ihn, dass das ja gar nicht notwendig sei, denn so können wir etwas ganz Neues kennenlernen. Es gehe nur einmal darum, dieses ganz Neue lediglich anzuschauen, nichts weiter. Jegliche Zweifel, Bedenken, eigenes Wissen, Meinungen und intellektuelle Fragen müssten erst einmal schweigen. Das dürfen wir da nicht hinein mischen. Es wäre sonst geradezu so, dass wir den Inhalt des Textes zurückdrängen würden, er könnte uns gar nicht mehr erreichen. Und das wäre ja schade, dann könnten wir nichts lernen, die Gedanken könnten uns nicht berühren und uns im Innersten nicht bereichern.

Ich lese dann den folgenden Satz langsam vor: „Alle Gedanken, die die Seele zu einer Wahrheit zielgerichtet hatte, und die dann im weiteren Verlauf zu lebendigen Empfindungen wurden, und den Willen mit grösserer Kraft aufluden, offenbaren sich nun als ein gewordenes seelisches Erleben.“ (1)
Damit er die Worte besser aufnehmen kann, gliedere ich den langen Satz in mehrere kurze Abschnitte. Es übertrifft all meine Erwartungen, als wir nach einer halben Stunde immer noch diese Aussage betrachten. Das Lesen hat ihn ruhiger gemacht, die Mimik ist weicher geworden und die zuvor stumpfen Augen leuchten jetzt etwas. Eine Frage ist in ihm noch wach geworden und er stellt sie mit einer mich tief berührenden Andacht: „Was ist eigentlich eine ‚Wahrheit‘?“ Diese Frage heben wir uns für die nächste Begegnung auf.
Er bittet mich noch, ihm die Aussage aufzuschreiben, damit er sie in den kommenden Tagen wiederholt betrachten kann. Beim Abschied bedankt er sich für diese ganz neue Erfahrung.

Dieses Erlebnis zeigt mir wieder einmal auf, wie wir förmlich aufblühen, wenn es gelingt, unser persönliches Wesen für kurze Zeit zurückzustellen und ganz frei, lediglich betrachtend, still forschend auf etwas zuzugehen. Obwohl diese Arbeit mit Texten (2) durchaus anspruchsvoll ist, ist sie dennoch auch von Menschen mit leichter Demenz zu leisten.
Und ist es nicht trotz aller Ablenkungen und Geschäftigkeiten trotzdem so, dass ein jeder im Innersten ein Interesse daran hat, was ihn nach dem physischen Tod erwarten wird? Und wie diese jenseitige Welt mit unserer hier zusammenhängt? Gerade im fortgeschrittenen Alter wird oft eine bewusstere Nähe zu den lieben Verstorbenen erlebt. Sie tauchen in den Träumen auf und hinterlassen ihre Botschaften. Ich denke, weil der Alltag der betagten Menschen ruhiger verläuft, entwickeln sie eine feinere Wahrnehmung für dieses sonst verborgene und verschüttete Erleben.

1 Quelle: Seelsorge für die Verstorbenen, Heinz Grill, S. 28
2 Übungen für die Seele, Heinz Grill, 3. Seelenübung: Die Arbeit mit dem Wort und der Aufbau von Ätherkräften
3 Bild von Darren Collis auf pixabay