Irene's individuelle Seniorenbetreuung

Gemeinsam zu mehr Lebensfreude

Die verbindende Kraft von freien Gedanken

Herr B. ist im fortgeschrittenen Stadium einer Demenz. Man kann mit ihm gar nicht mehr kommunizieren, es werden die Worte von ihm nicht aufgenommen. Manchmal gibt er Antworten, die dann aber völlig zusammenhanglos sind. Auch bin ich mir nicht sicher, ob er schwerhörig ist. Meist verdreht er das Gehörte in andere, oft ähnliche Wörter. Wenn ich dann lauter spreche, beschwert er sich darüber, dass ich so schreie. Mit normaler Kommunikation scheint er nicht mehr erreichbar zu sein. Die Pflege ist dann auch entsprechend mühsam und anstrengend, weil er gar nicht mithilft.

Heute Abend sitzt er noch am Esstisch und siniert vor sich hin. Ich setze mich zu ihm, sage aber nichts. Wie kann ich die Trennung zwischen uns überwinden?

Ich erinnere mich an eine sehr interessante Übung von Rudolf Steiner, die eine empathische Wahrnehmung zu einer anderen Person fördert. (1) Nachdem ich mein Denken zur Ruhe gebracht habe, beginne ich still den Gedanken aufzubauen, dass Herr B. das nicht ist, was meine Sinne, meine Augen, mir zeigen. Er ist viel mehr als das. Die äussere, vergängliche Erscheinung ist nur ein Drittel seines wirklichen Wesens. Er ist nicht diese Krankheit und nicht dieser Körper. Was er wirklich ist, bleibt meinen äusseren Sinnesorganen verborgen.

Während ich diese Gedanken aufbaue, schaue ich ihn nicht an. Erst danach hebe ich den Blick und bemerke, dass er mich anschaut. Ganz interessiert, ganz wach. Schweigend nickt er und ich erwidere dies ebenfalls mit einem Nicken.

Dann bitte ich ihn, mit mir zur Abendpflege zu kommen. Widerstandslos steht er auf, hilft mit beim Auskleiden, gibt auf Fragen passende Antworten. Als er dann im Bett liegt, fragt er noch, ob ich denn morgen wieder da bin. Ich glaube, er hat sich wahrgenommen gefühlt und mir scheint, dies hat direkt eine heilende Wirkung auf ihn gehabt.

 

Der Gedanke hat eine formende Kraft

Heinz Grill schreibt zum 6. Zentrum (ajna-cakra) von der Schaffens- und Gestaltungskraft des Gedankens. Der frei von Emotionen und eigenen Willensansprüchen gedachte Gedanke wirkt nach den Ausführungen des Autors auf natürliche und sichere Weise formbildend und formschaffend. (2)
Durch den Gedanken, der eine grössere Wahrheit darstellt und der frei war von meinen eigenen subjektiven Gefühlen oder eigenem Begehren, wurde eine Form der Kommunikation geschaffen, die nicht vom Intellekt abhängig ist. Diese Art der Kommunikation erreicht den an Demenz erkrankten Menschen. Sie umgeht den Intellekt, den blossen rationalen Verstand, der bei diesem Krankheitsbild je nach Stadium der Demenz nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt benutzt werden kann. Mir scheint, hierin liegt eine grosse Möglichkeit für den zukünftigen Umgang mit den Menschen, denen wir oft so hilflos gegenüberstehen. Gerade in der Pflege beschränkt sich die Kommunikation hauptsächlich auf funktionale Abläufe und Anweisungen wie der Körperpflege, der Nahrungsaufnahme, der sog. Aktivierung. Auch die Angehörigen scheinen oft hilflos und überfordert, den Partner, Vater oder die Mutter in der eigenen eingeschlossenen Welt erreichen zu können. 

Wie ist es aber möglich, dass ein Gedanke den Menschen erreichen kann, dessen Hirnfunktionen gestört sind?

Wir müssen uns zunächst einmal von dem Irrtum freimachen, dass der Denkprozess vom Gehirn selbst ausgeht. Der Gedanke ist von seinem Wesen her eine geistige Realität und strömt deshalb auch aus einem geistigen Raum herab zu uns, wird schliesslich durch unser Bewusstsein empfangen, kann weiter gedacht und weiter entwickelt werden. Der Gedanke ist nicht an den Körper, an das Gehirn gebunden. Das Gehirn ist lediglich wie ein Spiegel, das den herabströmenden Gedanken reflektiert. (3)
Das Menschenbild reduziert sich heutzutage hauptsächlich noch auf den Körper. Wir sind aber in erster Linie geistige Wesen und besitzen eine Seele, die mit dem physischen Leib eng verbunden ist. Sie äussert sich durch unser Denken, Fühlen und den Willen. Die geistige Dimension, die im Menschen lebt, wird in den Geisteswissenschaften als „Ich“ bezeichnet. Dieses Ich ist unvergänglich und vollkommen unabhängig vom Körper und damit auch vom Intellekt. Über dieses Ich konnte Herr B. meinen Gedanken empfangen. (4)

Hoffnungsvoller Ausblick

Der an Demenz Erkrankte kann sein Denken, seine Gefühle und seinen Willen nicht mehr eigenständig lenken, er benötigt hierzu seine Mitmenschen. An die Betreuenden und Pflegenden ist deshalb die Anforderung gestellt, sich in einer klaren, möglichst reinen und wahren Gedankenpflege zu üben. Mir ist dabei klar, dass es hierzu eine möglichst ruhige Arbeitsatmosphäre benötigt, was bei den derzeitigen Arbeitsbedingungen in der Pflege nicht der Fall ist. Unter Stress und Arbeitsbelastung können die Gedanken nicht wirklich geordnet und klar ausgerichtet werden. Dennoch wartet diese Aufgabe. Sie eröffnet den Weg zu einer neuen Verbindung. Dabei wird der Kranke ruhiger und zufriedener, er fühlt sich wahrgenommen. Für den Pflegenden bedeutet die Bemühung um freie, objektive, wahre Gedanken einen Entwicklungsschritt, der ihn zu einem neuen Selbstbewusstsein, der Erkenntnis seiner Gestaltungskraft und einer tiefen, inneren Freude führt.







(1) GA 4, 260 f abgerufen über Steiner Lexikon Anthroposophie: Internet Archive, 26.12.2015, [online]
(2) „Die Seelendimension des Yoga“, Heinz Grill, S. 62 – 67, Kapitel: Das ajna-cakra und die Entwicklung einer frei schaffenden Gedankenkraft
(3) siehe die Ausführungen von Heinz Grill S. 200 „Das Wesensgeheimnis der Seele“, Kapitel: Die Entwicklung von Ätherkräften mit Hilfe von einfachen Übungen
(4) Viele Beispiele gibt es in dem Buch von Hans Stolp, „Demenz – Wenn sich die Seele zurückzieht“, Aquamarin-Verlag