Irene's individuelle Seniorenbetreuung

Gemeinsam zu mehr Lebensfreude

Über Gedanken kommunizieren

Herr M. ist schwer dement und erst seit einem Tag bei uns im Heim. Er reagiert kaum, wenn man ihn anspricht, manchmal durch Ansprechen mit Blickkontakt. Er hält sich schon den ganzen Nachmittag im schattigen Garten auf.

Die Hosen sind ihm ganz herunter gerutscht – sie sind viel zu weit. Manchmal steht er lange an einem Fleck, wie erstarrt und blickt ins Leere.

Ich möchte ihn zum Abendessen holen. Er reagiert nicht. Ich befreie ihn von den heruntergerutschten Hosen, die ihn beim Gehen behindern und kann ihn dazu animieren, dass er am Gartentisch Platz nimmt. Es ist ruhig und niemand stört uns. Obwohl er nichts sagt, wirkt er recht präsent. Er schaut mir direkt in die Augen. Eine gefühlte Ewigkeit lang. Ich beginne, einen Gedanken aufzubauen, ohne den Blick von ihm abzuwenden: „Du bist nicht diese Krankheit. Sie gehört zu deiner äusseren Persönlichkeit. Dein wahres Selbst kann nicht krank sein, denn es ist geistiger Natur. Darauf wollen wir schauen.“

Ein kurzes Strahlen flackert in seinen Augen auf. Er beginnt zu essen.

Über die Sinne strömen die Gedanken nach aussen und berühren den Anderen, das Objekt, das Äussere. Auch eine körperliche Berührung, die von einem Gedanken begleitet ist, wirkt anders als eine vielleicht emotionale oder begehrende Berührung. Sie ist warm, wohltuend, aufbauend und sehr angenehm. Der Gedanke, der dabei gedacht wird, sollte so frei und so wahr wie möglich sein. Zumindest sollte der Gedanke objektiv sein. Man könnte dann still die  Erscheinung des Anderen beschreiben, z.B. wie sieht er genau aus, das Gesicht, die Haare, Gliedmassen, der Rumpf, wie ist die Kleidung? Dies kann man still für sich genau beschreiben, ohne Bewertungen, nur so, wie es sich wirklich zeigt.

Ich habe die wiederholte Erfahrung gemacht, dass selbst schwer demente Menschen auf klare, konkrete Gedanken reagieren, vor allem, wenn sie eine umfassende Wahrheit beinhalten. Sie treten dann für einen Augenblick aus ihrer eigenen Welt heraus und in Beziehung mit mir. Das sind ganz besondere Momente, die eine wirkliche Verbindung schaffen.

Bereits eine Woche später verstirbt Herr M.